Ein Abenteuer auf äthiopischen Straßen

Ort: 
Addis Abeba
Land: 
Äthiopien

Es ist Sonntagmorgen und ich mach mich auf den Weg nach Sodo um im dortigen Krankenhaus meinen somalischen Freund Ali abzuholen. Ihm wurde dort eine Operation am Fuß finanziert. Er hatte das Problem, dass sein rechtes Bein kürzer ist als das linke!

Durch den operativen Eingriff konnte dieses Problem behoben werden. So weit so gut - jedoch liegt Sodo rund 400 km südlich von Addis Abeba. Das bedeutet nicht wie bei uns dass man die Strecke in 3 ½ Stunden runterfahren könnte sondern um genau zu sein 8 Stunden Fahrt auf teilweise sehr alten und von Schlaglöchern übersehten Straßen zu holpern.

Alle 10 km überquert eine Kuh- oder Kamelherde die Straße die einen immer wieder zu Vollbremsungen und spektakulären Manövern zwingt. Ganz zuschweigen von den mutigen Ziegen oder Eseln die absolut keine Angst vor einem Lancrusier haben und in einer Seelenruhe in der Mitte der Straße stehen bleiben. In regelmäßigen Abständen sieht man im Straßengraben Isuzu-Laster die wohl nicht mehr rechtzeitig bremsen konnten und ihre gesamte Ladung auf der Straße gleichmäßig verteilten... Zwischendurch passiert man Dörfer die an der Hauptstraße liegen und von Menschen geradezu überhäuft sind... in dem Gewülle kann man nur durch starkes Hupen sich einen Weg verschaffen! Nebenbei hat auch die Regenzeit bereits verfrührt eingesetzt und die Straßen teilweise in kleine Bäche verwandelt. An dieser Stelle vielen Dank an die Automobilindustrie für den Allradantrieb! Doch das ist der "ganz normale Wahnsinn" auf den Straßen Afrikas...

Wenn dann allerdings 3 mal am Tag auf offener Straße mitten in der Pampa die Reifen (Made in China!) flicken muss beginnt man als durchschnittlicher auf Qualität bedachter Westeuropäer langsam aber kontinuierlich genervt zu sein. Als wir dann  aufgrund mangelnder Straßenschilder auch noch die falsche Abzweigung genommen haben und 20 km in die falsche Richtung gefahren sind ist es schwierig Ruhe zu bewahren....Da bin ich immer wieder von meinem afrikanischen Freunden beeindruckt die in bewundernstwerter Gelassenheit die Ereignisse auf sich wirken lassen.

Naja wenigstens kann ich jetzt unter extremen Bedingungen spielend Reifen wechslen ;-) Wobei ein Bridgestone, Michelin oder Dunlop schon was wert ist ...

Nach solch einer ereignisreichen Fahrt ist man besonders dankar wenn man heil und sicher sein Zielerreicht hat.
Die nächste Herausforderung besteht darin eine geeignete Bleibe zu finden in der man einige Stunden sich ausruhen kann bevor es zurück nach Addis geht.

Gesucht - gefunden! Als ich die "3-Euro-pro-Nacht-Unterkunft" betrat dachte ich zunächst in einer Schreinerei
zu sein da der gesamte Boden mit Sägmehl bedeckt war um die naßen Schuhe der Hotelgäste "zu trocknen".
Am nächsten Morgen ging es nach dem Frühstück (gebratenes Fleisch mit Brot) ins Krankenhaus um Ali abzuholen.
Das Sodo Krankenhaus gilt als eines der Besten in Äthiopien....doch wenn man das mit dem Robert Bosch KH (indem ich 1 ½ Jahre gearbeitet habe) vergleicht, stehen einem endgültig die Haare zu Berge!

Auf dem Fußboden waren wahrscheinlich mehr Bakterien als in den Körpern der Patienten und überall begegnen einem sehr seltsame Gerüche! Letzte Hürde bevor es auf den Heimweg geht, ist dann "nur" noch die Rechnung für die angefallenen Kosten zu begleichen. Sollte doch kein Problem sein. Scheck oder Überweisung? Oder wenn ich nicht Privatpatient bin - übernimmt das nicht direkt mein gesetzliche Krankenkasse? Pustekuchen Nummer 1! Die Kosten müssen unmittelbar "cash" beglichen werden. Doch was macht man wenn man zu wenig Bargeld dabei hat - da man unterwegs zuviel Geld für einen neuen Reifen ausgegeben hat? Ist doch klar einfach mit dem Manager sprechen und den Rest später überweisen! Pustekuchen Nummer 2! Der Manager ist heute gar nicht erschienen... na dann den Chefarzt fragen! Pustekuchen Nummer 3! Der ist gerade dabei nigerianischen Regierungsvertretern das Krankenhaus zu zeigen... nach 2 Stunden Wartezeit gelang es dann tatsächlich den Chefarzt direkt zu fragen. Da ich von SIM war nickte er nur ab und meinte "denen vertrau ich, du kannst den Fehlbetrag später überweisen".

JUCHU! Geschafft...
...nun aber schnell in den Wagen und ab nach Hause schließlich hat Ali seine Familie seit 6 Wochen nicht mehr gesehen...
Anmerkung des Autors: Diese Erzählung hat nicht zum Ziel die äthiopische Straßenbehörde und das Gesundheitwesen am Horn von Afrika zu kritisieren sondern möchte vielmehr zu einer dankbaren Haltung unsererseits aufrufen! Das geordnete Leben in Dtl. hat wirklich was für sich und doch konnte ich durch die Erfahrung einmal mehr Geduld lernen und Selbstbeherrschung trainieren...

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